Tibet Aktuell über die neue Himalaya-Tibet-Karte

Schweizer Kartografie für die neue Himalaya-Tibet-Karte
Kartografischer Widerstand gegen die Sinisierung Tibets

Sie reicht vom K2 (Pakistan) bis zum Amnye Machen( Nordost-Tibet), von Rajasthan bis Ost-Yünnan und von Amdo bis zum Ganges: die neue Tibet-Himalaya-Karte aus dem Gecko-Map-Atelier in Hinteregg am Pfannenstiel. Mit über 5 000 Namen und vielen Signaturen speziell für Tibet-Interessierte erscheint mit dieser Karte Anfang 2005 wohl das erste nach heutigen Massstäben brauchbare Kartenwerk des Hauptgebiets tibetischer Kultur. Erarbeitet und produziert worden ist es in der Schweiz; bei der Datenerfassung haben nepalische Geografen mitgewirkt. Auf tibetischem Gebiet werden konsequent tibetische Namen verwendet.


Von Urs Haller

Seitdem das Abendland Tibet entdeckte, suchten Forschungsreisende, Militärs und Abenteurer die Topografie dieses verschlossenen Landes zu ergründen. Noch im 19. Jahrhundert enthielten Landkarten tibetischer Gebiete, soweit überhaupt vorhanden, vorwiegend weisse Flecken, und auf die wenigen Angaben war nur zum Teil Verlass. Die Briten sandten deshalb eigens ausgebildete indische Erkundungsleute aus, die auf monatelangen Reisen in Tibet im Geheimen jeden Schritt zählten, mit dem Sextanten Vermessungen vornahmen sowie Berge, Wege und Flüsse kartierten. Die gut getarnten Inder lieferten dabei verblüffend genaue Resultate. Beispielsweise ermittelten sie im Jahre 1866 die Höhe Lhasas mit 3 566 m ü.M. – die moderne Messtechnik ergibt 3 650 m.

Weisse Flecken und Politik
An die Stelle der britisch-indischen Spione sind mittlerweile Satelliten getreten, die auch der Kartografie ungeahnte Möglichkeiten eröffnet haben. Erstaunlicherweise sind jedoch manche der weissen Flecken auf den modernen Tibetkarten im Grunde genommen nicht verschwunden, sondern nur ausgezeichnet getarnt. Da werden Berge hingesetzt, die in Wirklichkeit anderswo stehen, oder es wird eine Strasse eingezeichnet, wo ein unberührter Gletscher glänzt. In weiten Gebieten gibt es nur Reliefs, obschon Berge, Flüsse, Ortschaften, Klöster zu bezeichnen wären. Nicht zu reden von den Grenzverläufen, mit denen die jeweils Herrschenden schon immer ihre Gebietsansprüche zu untermauern versuchten. Denn die Eroberer wussten: «Wer die Karte hat, der hat das Land!» Die Inder bezeichnen ganz Kaschmir als indisch, auf pakistanischen Karten ist es ein Teil Pakistans. Die Chinesen schlagen die indische Provinz Arunachal Pradesh unverfroren zum «Mutterland» und ersetzen auf tibetischem Gebiet die tibetischen Namen mehr und mehr durch chinesische. Die Nepali verzeichnen auf ihren Karten auch bei berühmten Gipfeln nur den nepalischen Namen, den ausser ihnen niemand versteht. So wird in Tibet und im Himalaya die Zuverlässigkeit der Karten sowohl durch das topografische Unwissen wie durch die Politik korrumpiert, und man sehnt sich nach der Unbestechlichkeit der Eidgenössischen Landestopografie, die zwar auch nicht mehr so heisst, aber auf deren Blätter immer noch Verlass ist.

Kartografische Detektivarbeit
In diesem Umfeld hat Arne Rohweder, gelernter Zürcher Kartograf, ein Eldorado für seine Detektivarbeit gefunden. Bessere, das heisst detailliertere, genauere und realitätsnahe Karten herauszubringen, sind das eine Ziel, das er anstrebt; die tibetischen Namen zu erhalten und der Sinisierung Tibets kartografisch Widerstand zu leisten, das andere. Das eine möchten alle Verlage, aber sie scheuen die Detailarbeit, die intensiven Recherchen, das aufwendige Erfassen der riesigen Datenmengen. Das andere will nur Arne Rohweder, denn er hat ein Herz für Tibet, und der verlockende chinesische Markt, von dem andere Verlage bereits träumen, lässt ihn kalt. So erscheinen bei ihm die geografischen Namen konsequent tibetisch, d.h. in der gebräuchlichen Transkription mit lateinischen Buchstaben; einige der wichtigsten Namen wie Lhasa oder Kailash auch in tibetischer Schrift.
Dieser Beitrag zur Erhaltung der tibetischen Kultur kann nicht hoch genug geschätzt werden. Denn Touristen, Leser und Tibet-Interessierte werden sich weiterhin an der einheimischen und traditionellen Schreibweise und nicht an jener der chinesischen Besatzer orientieren wollen. Diese Karte ist auch tauglich, um bei alten und neuen Reise- und Forschungsberichten zu Rate gezogen zu werden; denn mit den tibetischen Bezeichnungen sind Orte, Klöster, Berge, Flüsse usw. lokalisierbar. Zudem orientiert sich das Werk an unseren relativ hohen Qualitätsvorstellungen von Landkarten. Sein Erscheinen wird von Himalaya-Reisenden und Tibetinteressierten sehnlich erwartet.

Knacknüsse und Widersprüche
Ursprünglich hatten den Bergsteiger Arne Rohweder vor allem Lateinamerika und seine Gebirge fasziniert. Durch einen Vortrag über den Gurla Mandhata (Siebentausender südlich des Manasarovar-Sees) und eine Patenschaft für ein tibetisches Flüchtlingskind in Nepal wechselte sein Augenmerk zum Himalaya und zu Tibet, die zugleich zu den kartografisch grössten Herausforderungen gehören, die unser Planet noch zu bieten hat. Bei seiner Arbeit stiess er auch auf nicht plausible Informationen der bestehenden Karten wie z.B. den unglaubwürdigen Verlauf eines langen südosttibetisch-indischen Grenzabschnitts quer über viele Gebirgszüge und -täler. Er hat nun die indischen Behörden mit diesem Widerspruch konfrontiert und sie angefragt, wo die «line of control» nun denn eigentlich verlaufe.
Eine andere Knacknuss ist der Verlauf der äusseren Kora rund um den Dakpa Shelri, einen heiligen Berg in Südosttibet. Als letzter berühmter Pilger hatte der 13. Dalai Lama diese Kora zusammen mit 100 000 Gläubigen begangen. Heute liegt der Weg teilweise auf indischem Gebiet, und es gibt über seinen genauen Verlauf nirgends mehr einen Beschrieb. Deshalb konnte Rohweder diese Kora nicht in die Karte aufnehmen – jedenfalls nicht in diese erste Auflage. Solche Puzzles voller widersprüchlicher Angaben zu lösen ist spannend, aber lohnt sich kommerziell nicht. Ohne Liebe zur Sache wird sich niemand der Knacknüsse annehmen.

Sammlung der Informationen
Die Basis der kartografischen Arbeit bildeten die russischen Generalstabskarten 1:200 000, die vor rund 30 Jahren erschienen sind und deren Inhalt aus verschiedenen Erhebungszeiträumen stammt. Da Arne Rohweders Frau Martina Russisch beherrscht, verursachten die tibetischen Namen in russischer Umschrift keine grösseren Probleme. Zu Vergleichszwecken wurden auch englisch-amerikanische, chinesische (mit lateinischen Buchstaben), ungarische Karten sowie Blätter aus dem Amnye-Machen-Institut (Dharamsala) beigezogen. In Nachtarbeit, wenn die Kinder zu Bett gebracht waren, wertete Martina Rohweder als Kartenredaktorin die Reiseführer und das Internet aus. Erfahrene Tibetreisende wurden beigezogen, die zum Beispiel die genaue Strecke einer Pilger-Umrundung (Kora) beschreiben konnten. Dazu wurden schriftliche exiltibetische und chinesische Quellen ausgewertet, so dass beispielsweise bereits der Verlauf der Golmud – Lhasa-Bahn (Eröffnung voraussichtlich 2007) mitsamt den Personen- und Güterterminals in Lhasa eingetragen ist.

Von Nepal nach Hinteregg
Wie schon bei der Kailash-Karte aus dem Jahr 2000 (vgl. Tibet aktuell Nr. 66) arbeiteten nepalische Geografen mit, die von Arne Rohweder für die kartografische Datenerfassung angelernt worden waren und diese Aufgabe nun hervorragend meistern. Damit wird in Nepal Einkommen generiert, es findet ein Wissenstransfer statt und Gecko Maps kann die Erfassungskosten senken. Die Nepali haben Unmengen informatisierter Daten wie Höhenkurven und Reliefs nach Hinteregg geliefert. Hier schlägt das Herz der Tibet-Kartografie (und auch anderer Gebiete), hier trugen die Rohweders alles in mühsamer, aber spannender Kleinarbeit zusammen. In einem kleinen Zimmer, das mit zwei grossen PC-Monitoren und vielen Karten bestückt ist, wurde das Dach der Welt auf ein Papier von 1,5 x 1m verdichtet: entstanden ist im Zeitraum von zwei Jahren das Werk «Himalaya-Tibet, mit Bhutan-Ladakh-Nepal-Sikkim, 1:1,6 Mio». Hauptakteure dieses Projekts waren Martina und Arne Rohweder (Redaktion und Verlag) sowie die vier Kartografen in Nepal unter Leitung von Narayan Raj Maharjan. In der Schweiz haben ausserdem Markus Götz bei der Redaktion und Dawa Sigrist bei der Schlusskontrolle sowie weitere Beraterinnen und Berater aus der Tibetszene mitgewirkt.

Bei Gecko Maps sind aus der Himalaya-Tibet-Region nebst dem Stadtplan von Kathmandu auch die Nepal- und die Kailash-Karte erschienen. Bereits fertiggestellt ist der Stadtplan von Lhasa; für das Erscheinen muss jedoch noch ein Sponsor gefunden werden. In Bearbeitung stehen Osttibet und eine Annapurna-Trekkingkarte. Geplant sind Trekkingkarten Ladakh, Bhutan, Sikkim und Amnye Machen sowie ein touristisches Blatt «Dharamsala». Kein Zweifel, die Kartografen vom Pfannenstiel bleiben dran.
Urs Haller